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Erwin Rigert und Martin Peter Schindler
Der Bau der Schweizerischen Hauptstrasse H8 zwischen Jona
und Schmerikon: Von der archäologischen Begleitung zur
Siedlungsgeschichte
Der Bau der Schweizerischen Hauptstrasse H8 (ehemals T8/A8)
Umfahrung Wagen-Eschenbach-Schmerikon wurde im Jahr 2000 durch
die Kantonsarchäologie St. Gallen begleitet. Gleichzeitig
erfolgte die Dokumentation von Schäden im an das Trasse
angrenzenden Wald, verursacht durch den Sturm "Lothar"
1999. Zum ersten Mal nach vier Jahrzehnten Autobahnbau im
Kanton St. Gallen wurde mit der H8 ein grosses Strassenbauvorhaben
intensiv und konsequent archäologisch betreut. Die zahlreichen
neu entdeckten Fundstellen sind Belege für das reichhaltige
archäologische Potential der Region und unterstreichen
die Notwendigkeit dieser Arbeiten.
C14-Daten könnten auf eine Begehung der Region bereits
im Mesolithikum hindeuten. Die ältesten Siedlungsspuren
im Hinterland des Obersees gehören in die Bronzezeit.
In Jona SG-Wagen-Erlen wurde eine bis anhin unbekannte Siedlungsstelle
der Mittelbronzezeit entdeckt. Mittelbronzezeitliche Funde
sowie eine spätbronzezeitliche Brandgrube belegen eine
weitere Siedlungsstelle in Jona SG-Wagen-Geretswis. C14-Datierungen
und Einzelfunde zeigen eine Nutzung des Gebiets auch in der
Eisenzeit. In Eschenbach SG-Neuhaus--Bürstli wurden die
mutmasslichen Reste eines hallstattzeitlichen Grabes entdeckt.
In Sichtweite liegt die bekannte Grabhügelgruppe auf
dem Balmenrain bei Eschenbach/Schmerikon. Einzelne Scherben
sprechen für eine hallstattzeitliche bzw. latènezeitliche
Nutzung der Areale bei Jona SG-Wagen-Salet und bei Jona SG-Wagen-Erlen.
Erstmals seit den Grabungen von 1946 konnten neue Erkenntnisse
zum römischen Gutshof "Salet" bei Wagen gewonnen
werden. Baubegleitende Beobachtungen auf der H8 und die Dokumentation
von Sturmschäden im Bereich der römischen Gebäude
erbrachten neue Hinweise zur Ausdehnung des Gutshofes und
zum Standort des Hauptgebäudes. Die Dokumentation der
durch Baumwurf freigelegten Mauern bestätigte die durch
die Topographie angeregte Vermutung, dass das Hauptgebäude
auch an der nordöstlichen Ecke einen Risalit aufgewiesen
hatte.
Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Ur- und
Frühgeschichte
85, 2002, 7–22.
Michel Mauvilly, Jehanne Affolter,
Jean-Luc Boisaubert, Luc Braillard, Louis Chaix, Michael Helfer,
Serge Menoud et Philippe Pilloud
Du Paléolithique final à la fin du Mésolithique
dans le canton de Fribourg. Etat de la question
Das Ende der späten Eiszeit und die beginnende Nacheiszeit
sind für die Geschichte des Kantons Freiburg ein zentraler
Zeitabschnitt: Zum ersten Mal haben Menschen das gesamte Kantonsgebiet,
alle Landschaftstypen besiedelt: Seebezirk, Mittelland, voralpine
und alpine Zone.
Archäologische Reste aus jener Epoche und Indizien
zur Umweltgeschichte wären in reichem Mass vorhanden
— sie warten darauf, ausgewertet zu werden. Allerdings
ist der heute verfügbare Bestand an Basisdaten, an Befunden
und Objekten, noch klar lückenhaft. Immerhin erlaubt
er es, ein erstes, vorläufiges Bild der Besiedlungsgeschichte
und der Rohstoffnutzung zu entwerfen.
Annuaire de la Société Suisse de Préhistoire
et d'Archéologie
85, 2002, 23–44.
Stefan Hochuli
Teil eines neolithischen Schuhs aus Zug. Mit einem Beitrag
von Anne Reichert: Weich und warm auf Moossohlen. Experimente
zur «Rheumasohle» von Zug
Wegen einer umfassenden Strassensanierung musste die Kantonsarchäologie
Zug im Sommer 2000 im Bereich der bereits bekannten neolithischen
Seeufersiedlung Zug-Schützenmatt erneut eine kleine Ausgrabung
durchführen. Die zahlreichen Funde und die ausgegrabenen
Hausreste datieren in die Zeit um 3150 v.Chr.
Zu den Funden gehört auch ein unscheinbares Häufchen
aus Moos, das sich als Einlege- bzw. Isolationssohle eines
jungsteinzeitlichen Schuhs entpuppte. Die aus gepresstem Moos
bestehende Sohle dürfte ursprünglich in einem Schuh
aus Leder gesteckt haben, der sich aber nicht erhalten hat.
Der Fund bietet zu wenig Ansatzpunkte für eine vollständige
Rekonstruktion des ganzen Schuhs. Allerdings zeigt er —
nebst dem gleich fast hohen Alter — zwei auffallende
Übereinstimmungen mit dem rechten Schuh der Gletschermumie
vom Hauslabjoch («Ötzi»): seine gedrungene,
breite Form und den Abdruck eines auf der Sohlenunterseite
quer verlaufenden Bandes.
Der auf den ersten Blick banal wirkende Fund ist deshalb von
Bedeutung, weil europaweit bisher lediglich neun jungsteinzeitliche
Schuhe oder Teile davon bekannt sind.
Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Ur- und
Frühgeschichte
85, 2002, 45–54.
Erwin Rigert
Glockenbecher im Knonauer Amt. Die Fundstelle Affoltern
ZH-Zwillikon-Weid
In Affoltern ZH-Zwillikon-Weid wurde beim Bau eines Stalles
eine Siedlungsstelle der Glockenbecherzeit entdeckt. Sie liegt
auf einer ebenen Moränenterrasse nahe der steil abfallenden
Geländekante des Jonenbaches. Die bereits stark fortgeschrittenen
Bauarbeiten erlaubten lediglich geringe Bodeneingriffe.
In einer ca. 20 m breiten Geländesenke war eine bis
zu 1 m mächtige Schichtabfolge mit prähistorischen
Funden erhalten. Über der Moräne fand sich ein Horizont
mit zahlreichen Holzkohlepartikeln, was als Hinweis auf prähistorische
Rodungen zu werten ist. Vereinzelte Keramikscherben, sowie
C14-Daten aus besagter Schicht sprechen für eine schnurkeramische
Nutzung des Areales. Über dem schnurkeramischen Horizont
folgt ein 20–30 cm mächtiges Kolluvium mit stark
fragmentierten glockenbecherzeitlichen Scherben, wenigen Silices
und Hitzesteinen. Die Befundsituation lässt vermuten,
dass es sich um die Reste einer Siedlungsstelle handelt.
Von Bedeutung sind 18 Fragmente von Glockenbechern, die von
mindestens 16 Gefässindividuen stammen. Das Fundmaterial
umfasst sowohl Elemente der mittleren Phase der Glockenbecherkultur,
charakterisiert durch maritime und epimaritime Becher, als
auch späte Glockenbecher. C14-Datierungen sichern die
Schlüsse aus der Beobachtung der typologischen Merkmale
an der Keramikab. Zudem finden sich wenige Fragmente von «Begleitkeramik».
Die Schichtabfolge enthält im oberen Bereich spärliche
frühbronzezeitliche Funde.
Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft
für Ur- und Frühgeschichte
85, 2002, 55–66.
Laurent Héritier
Varen VS-Sportplatz. Un habitat et un complexe céramique
du 8e siècle av.J.-C. en Valais
Die Siedlungsstelle Varen-Sportplatz wurde 1998 entdeckt
und ausgegraben. Drei Phasen liessen sich unterscheiden. Die
Erste gehört nach den C14-Daten in die 1. Hälfte
des 8. Jh. v.Chr. Auf einer relativ kleinen Fläche fand
sich eine grosse Anzahl von Brandgruben, eingetiefte und ebenerdige
Feuerstellen sowie Mulden bzw. Zonen mit Asche. Der Bereich
diente den Einwohnern wohl für kollektive Aktivitäten.
Die Keramik ist ein wichtiges, mitunter recht originelles
Ensemble, das die Formen am Beginn der Eisenzeit widerspiegelt.
Sie weist Anklänge sowohl an süd- als auch an nordalpine
Typen auf. Da zeitgleiche Funde aus der Region bisher so gut
wie nicht vorhanden sind, stellt das Ensemble aus Varen einen
Referenzkomplex dar, eine erste Etappe in der Rekonstruktion
der typologischen Entwicklung der früheisenzeitlichen
Walliser Keramik.
Annuaire de la Société Suisse
de Préhistoire et d'Archéologie
85, 2002, 67–102.
René Matteotti
Die römische Anlage von Riom GR. Ein Beitrag zum Handel
über den Julier- und den Septimerpass in römischer
Zeit
Bei Grabungen in Riom-Cadra im Oberhalbstein kamen die Überreste
eines U-förmigen römischen Gebäudes zum Vorschein,
das als Herberge und Gutshof benutzt worden sein dürfte.
Anhand der Befunde und Funde kann eine Siedlungskontinuität
vom zweiten Viertel des 1. Jh. v. Chr. bis ins Hochmittelalter
nachgewiesen werden. Aus der frühesten Phase stammt ein
Holzbau, der um die Mitte des 1. Jh. vom U-förmigen Steingebäude
mit einer Hofanlage abgelöst wurde. Zwischen 70 und 125
n.Chr. wurde dieses Steingebäude umgebaut, wobei unter
anderem eine Kanalheizung eingebaut worden sein dürfte.
Das Gebäude fiel zwischen 130 und 170 n.Chr. einem Brand
zum Opfer und wurde darauf wieder aufgebaut. Im späten
4./5. Jh. n.Chr. zerfiel das Steingebäude definitiv.
Die Überreste eines Holzhauses mit Herdstellen legen
Zeugnis für eine kontinuierliche Besiedlung Rioms bis
ins Früh- und Hochmittelalter ab.
Das Fundmaterial aus Riom ist stark italisch geprägt
und hebt sich deutlich von anderen Fundplätzen der Nordwestschweiz,
des Mittellandes und des Ostalpenraumes ab. Charakteristisch
ist insbesondere die italische Terra Sigillata, die in Riom
bis um die Mitte des 1. Jh. n.Chr. belegt ist. Bereits im
2. Jahrhundert n.Chr. verdrängte das Lavezgeschirr die
im 1. Jh. n.Chr die Gebrauchskeramik. Trachtbestandteile aus
dem Westen (Rheinland, Gallien) und aus dem Osten (Rätien,
Noricum, Pannonien) dürften zumindest teilweise von Reisenden
stammen. Die Glasarmringe sowie die bemalte Keramik in SLT-Tradition
belegen das Fortleben spätkeltischen Formenguts im Alpenraum
bis ins späte 1. und mittlere 2. Jh. n.Chr.
Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für
Ur- und Frühgeschichte
85, 2002, 103–196.
Renata Windler
Keramik des 6. und 7. Jahrhunderts. Siedlungs- und Grabfunde
aus dem Gebiet zwischen Zürichsee und Hochrhein
Fundkomplexe aus frühmittelalterlichen Siedlungen in
Andelfingen, Fällanden und Winterthur sowie ein kleines
Ensemble an Siedlungs-(?)Keramik aus Dorf bieten neben wenigen,
zum Teil seit längerem publizierten Gefässen aus
Gräbern Einblick in die bisher kaum bekannte Keramik
des 6. und 7. Jh. aus dem Gebiet zwischen Zürichsee und
Hochrhein.
Im Fundmaterial des letzten Drittels des 6. Jh. oder des
frühen 7. Jh. aus zwei Grubenhäusern bei Andelfingen
fällt die grosse Variationsbreite und der hohe Anteil
an scheibengedrehter Keramik auf. Neben Keramik ist —
wenn auch nur in geringen Anteilen — Lavez vorhanden.
Vor allem zur rauhwandigen Drehscheibenware finden sich gute
Vergleiche in der Nordwestschweiz, während nördlich
des Hochrheins, namentlich in Komplexen aus dem Kanton Schaffhausen,
handgeformte Keramik bei weitem vorherrscht. Solche ist auch
im Komplex aus Andelfingen belegt und zeigt zusammen mit glättverzierter
Knickwandkeramik Verbindungen zum angrenzenden rechtsrheinischen
Gebiet. Dort finden sich ferner Vergleiche zu einer gut fassbaren
Gruppe glättverzierter Knickwandkeramik, für deren
Entstehung Einflüsse aus dem nordfranzösisch-südbelgischen
Raum in Betracht gezogen werden.
Wie der jüngste Keramikkomplex aus der Winterthurer
Altstadt andeutet, wurde die handgeformte Keramik vermutlich
im Verlauf des 7. Jh. in unserer Region vorherrschend und
verdrängte die Drehscheibenware nahezu vollständig;
etwa gleichzeitig dürfte die feintonige Knickwandkeramik
verschwunden sein. Lavezgefässe hingegen waren bis ins
12./13. Jh. im Geschirrsortiment vertreten. Mit dem Überhandnehmen
handgeformter Keramik setzt im 7. Jh. eine ganz andere Entwicklung
ein als in der Nordwestschweiz, wo zwar ebenfalls neue, aber
weiterhin auf der Scheibe produzierte Waren auftauchen.
Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für
Ur- und Frühgeschichte
85, 2002, 197–230.
Toni Rey
Über die Landesgrenzen. Die SGU und das Ausland zwischen
den Weltkriegen im Spiegel der Jahresberichte
Der Aufsatz beleuchtet einen Aspekt der schweizerischen
Ur- und Frühgeschichtsforschung in der Zeit zwischen
1920 und 1940. Anhand der Jahresberichte der SGU wird den
Auslandskontakten von Schweizer Archäologen und der Tätigkeit
von ausländischen Kollegen in der Schweiz nachgegangen.
Das Knüpfen von internationalen Verbindungen war ein
erklärtes Ziel der SGU. Erfolg hatten diese Bemühungen
um wissenschaftliche Kontakte über die Landesgrenzen
hinweg vor allem in Bezug auf Deutschland. Da es dort schon
vor den zwanziger Jahren eine stark nationalistisch geprägte
Strömung innerhalb der archäologischen Forschung
gab und sich diese Richtung mit der Machtübergabe an
die Nationalsozialisten durchsetzen konnte, sind die Spuren
völkischer und nationalsozialistischer Ideologie auch
in den Jahresberichten der SGU zu finden.
Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für
Ur- und Frühgeschichte
85, 2002, 231–253.
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